Wehrmachts-Dieselloks


Rund 20 Jahre hat Stefan Lauscher intensiv am Thema Wehrmachts-Diesellokomotiven geforscht. Nun endlich - schon seit Jahren ungeduldig erwartet - ist das Buch beim EK-Verlag erschienen.

Zunächst zum Äußeren: Durchgehend auf schwerem Kunstdruckpapier gedruckt ist die Wiedergabequalität der Fotos und Zeichnungen erstklassig und kaum zu übertreffen. Das Layout präsentiert sich im Gegensatz zu einigen anderen Büchern des EK-Verlages keineswegs langweilig, sondern modern und optisch sehr ansprechend. Durch den guten Mix an Fotos, Zeichnungen, Faksimiles und Tabellen sowie die zahlreichen Zwischenüberschriften wird der Leser sofort zum Schmökern animiert.

Zum Inhalt: Die jahrzehntelange Forschungstätigkeit merkt man dem Buch bereits beim ersten Durchblättern an. Allein die außerordentlich umfangreiche Literaturliste und die zahlreichen Fotos aus hunderten verschiedener Archive zeigen, daß bei der Recherche alle Möglichkeiten ausgeschöpft wurden. Die Texte sind, auch wenn es um manchmal trockene technische Details geht, sehr gut lesbar geschrieben; schließlich ist der Autor Journalist und schon viele Jahre in diesem Beruf tätig.

Nach einem kurzen Kapitel zur Diesellokgeschichte bis Mitte der dreißiger Jahre geht Lauscher auf die Entwicklung der normalspurigen typisierten Wehrmachtslokomotiven ein. Die Hintergründe für die Entwicklung und die geplante Beschaffung nur noch weniger einheitlicher Typen durch die damals produzierenden Lokfa-briken werden aufgezeigt.

Anschließend folgt die technische Beschreibung der 360-, 200-, 240- und 550 PS-Typen, wovon nur die V20 und V36 in größeren Stückzahlen beschafft wurde. Revolutionär war das Hydraulikgetriebe, das erstmals über das Versuchsstadium hinausgekommen und zur Serienreife entwickelt worden war.

Ein weiterer Abschnitt, der auch eine aussagekräftige Lieferstatistik beinhaltet, ist mit vielen Bildern und Zeichnungen der Produktion der Wehrmachtsloks gewidmet, wobei auf die Hersteller und die Abnehmer eingegangen wird.

Im folgenden Kapitel wird ausführlich über die Ein-sätze während des Krieges berichtet. Dieses Kapitel ist besonders interessant, erfährt man doch viele bisher nahezu unveröffentlichte Details über Heeres-, Luftwaffen- und Marinestandorte sowie kriegswichtige Betriebe, teilweise mit Zeichnungen der Gleisanlagen, über die Einsätze in Nordafrika sowie über Eisenbahngeschütze, Panzerzüge und den Schienenwolf.

Der umfangreichste Abschnitt im Buch ist der Nachkriegszeit gewidmet. Die Übernahme der zahlreichen ehemaligen Lokomotiven der Wehrmacht und anderer kriegswichtiger Produktionsanlagen auf die DB, DR, Privat- und Werksbahnen wird nachgezeichnet, auf die technischen Änderungen und Angleichungen sowie den Neubau weiterer Loks der Baureihe V36 für die DB wird eingegangen. Die Stationierungen der Baureihen V20 und V36 bei der DB und der DR werden detailliert aufgelistet und die Einsatzstrecken beschrieben, wobei auch der Vorortverkehr mit Wendezügen zu Beginn der fünfziger Jahre in den Räumen Frankfurt und Wuppertal natürlich nicht fehlt. Auch die Leistungen bei den Privat- und Werksbahnen nehmen breiten Raum ein und werden mit Fotos gut dokumentiert. Einsätze in anderen Ländern - bis zu den Weihnachtsinseln hat es die Wehrmachtsloks verschlagen - werden nachgezeichnet.

Ein relativ kurzes Kapitel ist den Nachkriegsentwicklungen verschiedener Lokomotivfabriken gewidmet, die technisch auf die Konstruktion der Wehrmachtslokomotiven zurückgehen.

Auch das Kapitel über die Kleinlokomotiven der Wehrmacht (WR110B, besser bekannt als Kleinlokomotiven der Leistungsgruppe II) ist recht knapp gehalten. Aber auch hier werden alle LgII-Lokomotiven der Wehrmacht mit Lieferangaben und Verbleiben aufgelistet.

Ein interessanter Abschnitt ist der Dora-Geschützlok (später V188) gewidmet. Die beiden schweren Doppelmaschinen wurden bei der DB nach dem Krieg noch bis 1970 im schweren Güterverkehr ein-gesetzt.

In einem Anhang wird auf die normalspurigen Wehrmachts-Dieselloks eingegangen, die nicht den typisierten Baureihen entsprachen, sondern bei denen es sich um Loks aus dem damaligen Typenprogrammen der Hersteller handelte.

Das Buch setzt den Loks der Baureihen V20 und V36 und all ihren Abkömmlingen bei DB, DR, Privat- und Werksbahnen ein würdiges Denkmal, denn gerade diese Maschinen waren Wegbereiter des modernen deutschen Diesellokbaus mit Hydraulikgetriebe. Seine Leserschaft wird das umfangreiche Werk bei den Freunden der Staatsbahn ebenso finden wie bei den Eisenbahnfreunden, die sich mit Privat- und Werksbahnen befassen. Hoffentlich läßt der ebenfalls geplante Band über die schmalspurigen Heeresfeldbahnloks nicht mehr allzu lange auf sich warten.

Das Buch setzt bei Gestaltung und Inhalt neue Maßstäbe, die kaum noch zu übertreffen sind. Über zwei Kilogramm wiegt das Buch, und keine Seite ist langweilig. Daher noch ein Tip: Man sollte das Buch nur zur Hand nehmen, wenn man viel Zeit hat, am besten im Urlaub. Ansonsten vertieft man sich unweigerlich in den interessanten Text, was den gesamten Tagesterminplan durcheinanderbringen wird.

"Die Diesellokomotiven der Wehrmacht - Die Geschichte der Baureihen V20, V36 und V188" von Stefan Lauscher. Freiburg 1999. 592 Seiten DIN A4, gebunden, 517 Fotos, 167 Zeichnungen, zahlreiche Tabel-len. EK-Verlag, Postfach 500 111, 79027 Freiburg. Preis: 89,-- DM

Andreas Christopher
 


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