Die Laura


Hinter dem Spitznamen "Laura" verbirgt sich die Kleinbahn Rennsteig - Frauenwald, gelegen mitten im Thüringer Wald und einst wichtige Verbindung zum bekannten Erholungsort Frauenwald. Eine schöne Landschaft, strenge Winter und eine äußerst sparsame Betriebsführung, trotzdem aber ein verhältnismäßig abwechslungsreicher Fahrzeugpark waren Merkmale dieser Bahn.

Der Verlag Eisenbahn-Kurier hat in gewisser Weise Pech mit seiner Buchreihe "Regionale Verkehrsgeschichte": 1995 erschien sein Buch über die erste sächsische Schmalspurbahn Wilkau-Haßlau - Carlsfeld nur wenige Wochen nach dem Buch der Konkurrenz aus dem Verlag Kenning (siehe Buchbesprechungen in Dumjahn's Jahrbuch für Eisenbahnliteratur 1997, S. 162 ff). Und 1996 war wiederum ein anderer Verlag schneller mit seinem Buch über die "Laura", die Kleinbahn Rennsteig - Frauenwald.

Doch der Reihe nach! Bereits seit 1994 kündigte der Verlag Rockstuhl aus Bad Langensalza, der in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Büchern zur regionalen thüringer Eisenbahngeschichte - vorwiegend aus der Feder von Günter Fromm - herausgegeben hat, eine Veröffentlichung über die Kleinbahn Rennsteig - Frauenwald an. Zu diesem Zeitpunkt hatte Günter Fromm das Manuskript weitgehend fertiggestellt.

Günter Fromm starb unerwartet im Juli 1994. Der Verleger Harald Rockstuhl mußte daher noch Restarbeiten am Manuskript vornehmen und sich um weitere Fotos von der Kleinbahn bemühen, um das Buch fertigzustellen.

Es ist erstaunlich, was Günter Fromm über eine solch kleine Privatbahn mit nur knapp fünf Kilometern Streckenlänge noch alles zusammengetragen hat. Der Autor hat ganz ausgezeichnete Quellenarbeit geleistet und man merkt dem Buch an, daß es nicht von heute auf morgen entstand, sondern daß über Jahre hinweg an der Materialsammlung zu diesem Buch gearbeitet worden ist. Somit ist, auch durch Zuarbeit von Harald Rockstuhl, ein umfangreiches Buch mit 176 Seiten und zahlreichen Fotos und Zeichnungen, davon 13 der sagenhaft realistischen Zeichnungen von Peter König, entstanden.

Allerdings merkt man dem Buch auch an, daß der Verleger Rockstuhl kein Eisenbahnfachmann ist. Es entstanden bei den Nacharbeiten einige mißverständliche oder gar fehlerhafte Textstellen, obwohl im Impressum auch eine Lektorin erwähnt wird. Hätte Fromm selbst noch Korrekturlesen können, wäre dies wohl vermieden worden. So werden beispielsweise bei der Bildunterschrift auf Seite 135 oben völlig belanglose Angaben zitiert. Oder es werden etwa bei der Bildunterschrift auf Seite 136 oben Vermutungen über die Zuggarnitur angestellt, obwohl aus dem laufenden Text (Seite 125) eindeutig hervorgeht, daß es sich um durchlaufende Urlaubersonderzüge aus Leipzig gehandelt hat. Auch die mit Weitwinkelobjektiv gemachten Eisenbahnfotos von Rockstuhl aus 1994 und 1996 von der nicht zum eigentlichen Thema gehörenden anschließenden Bahnstrecke Ilmenau - Schleusingen sind nicht gerade Offenbarungen. Bei weiteren Eisenbahnthemen sollte Rockstuhl besser einen Eisenbahnfachmann als Lektor zu Rate ziehen.

Trotzdem ist hier ein gutes, reich illustriertes Buch über eine Kleinbahn mit ihrer kurzen, aber wechselvollen Geschichte entstanden, wobei die Vielzahl der zusammengetragenen Informationen und die Anzahl der ausgegrabenen Fotos, teilweise sogar in Farbe, überrascht.

Erstaunlich, daß der EK-Verlag Anfang 1996 ebenfalls ein Buch über die Kleinbahn Rennsteig - Frauenwald ankündigte und bereits Ende 1996, nur wenig später als das erste Buch, herausbrachte. Handelt es sich um einen Schnellschuß, oder konnte man das hohe Niveau von Fromm halten oder gar noch steigern?

Ja, es scheint so. Dieses Buch von Michael Kurth ist fast noch besser recherchiert als das von Fromm. Im Quellen- und Literaturverzeichnis tauchen zwar nahezu die gleichen Quellen auf, allerdings hat Kurth beispielsweise sämtliche Geschäftsberichte ausgewertet, während laut Fromm im Archiv der RBD Erfurt bei seiner Auswertung eine Reihe von Geschäftsberichten gefehlt haben. Auch sonst sind bei Kurth die Angaben zu den Fahrzeugen, Betriebsanlagen und Mitarbeitern noch etwas genauer, dadurch aber keinesfalls trockener zu lesen. Auch die Bildwiedergabequalität auf Hochglanzpapier ist besser, zumal Kurth offensichtlich in vielen Fällen die Originalvorlagen und nicht die Repros davon aufgetrieben hat. Das Buch von Kurth weist zwar etwas weniger Fotos und Zeichnungen auf, dafür sind diese durchweg von hoher Qualität.

Ein großer Teil der Fotos ist in beiden Büchern identisch. Auch textlich gibt es abschnittsweise sehr große Übereinstimmungen. Von daher ist es eigentlich auch nicht ratsam, daß man sich beide Bücher beschafft. Obwohl Fromms Buch auf den ersten Blick mit seinem festen Umschlag und dessen liebevoller Gestaltung sowie der stabilen Bindung einen besseren Eindruck macht, muß man letztendlich doch eher zum Kauf des Buches von Kurth raten, einmal wegen der noch gründlicheren Recherche und der besseren Bildwiedergabe, zum anderen auch wegen des günstigeren Preises. Nur der echte "Kleinbahnspezi" wird sich beide Bände zulegen müssen.

(Günter Fromm, Aus der Geschichte der Kleinbahn Rennsteig - Frauenwald. Die "Laura" 1913 - 1965. Verlag Harald Rockstuhl, Bad Langensalza 1996. 176 S. A5 geb., 14 Farb-, 126 SW-Fotos, 8 Farb-, 31 SW-Zeichnungen und Faksimiles, DM 39,80.)

(Michael Kurth, Die Laura - Geschichte der Kleinbahn Rennsteig - Frauenwald. EK-Reihe Regionale Verkehrsgeschichte, Band 13. EK-Verlag, Freiburg 1996. 128 S. 23,5 cm pb., 4 Farb-, 101 SW-Fotos, 42 Zeichnungen und Faksimiles, DM 29,80.)

Andreas Christopher
 
 



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