Die Maschinenbau-Gesellschaft Heilbronn


Für jeden Eisenbahn- und Lokomotivhistoriker sind Lieferverzeichnisse von Lokomotivfabriken von hohem Wert. Denn damit lassen sich die Triebfahrzeugbestände der Bahnverwaltungen zumindest teilweise zusammentragen. Voraussetzung dafür ist, daß man über die Lieferlisten wenigstens der wichtigsten Lokfabriken verfügt. Diese bilden gewissermaßen Mosaiksteinchen, aus denen der vollständige Lokbestand zusammengesetzt werden kann. Dies funktioniert recht gut bei den Staatsbahnen, die sich in aller Regel ihre Lokomotiven fabrikneu beschafft haben. Bei den Privatbahnen wird wegen häufiger Verkäufe und Umsetzungen die Sache schon schwieriger. Ganz schwierig wird die Zusammenstellung vollständiger Fahrzeuglisten bei Werksbahnen, da diese sehr häufig gebrauchte Lokomotiven beschaffen. Hier helfen dann meist nur Unterlagen in Archiven (Maschinenämter, Bergämter, TÜV usw.), wo aber oft nur die Kesselnummer vermerkt ist. Aber auch hier läßt sich anhand der Kesselnummer, die in der Regel (außer bei Kesseltausch oder Ersatzkesseln) auch der Fabriknummer entspricht, nach einem Blick in die diversen Lieferlisten dann herausfinden, welche Lok dabei in Frage kommt.

An Lieferlisten sind oft einfache, maschinengeschriebene Listen in Umlauf, die teilweise noch auf Dipl.-Ing. Bernhard Schmeiser (1893-1958) zurückgehen. Dessen Lebenswerk bestand in der Erstellung von Fabriknummernverzeichnissen, welche Abschriften der Original-Listen der Lokomotivhersteller darstellen. Die Schmeiser'schen Listen wurden teilweise später von anderen Eisenbahnfreunden ergänzt und fortgeführt.

Nach und nach erscheinen jedoch seit geraumer Zeit spezielle Veröffentlichungen über bestimmte Lokhersteller, dessen Kernstück diese Lieferlisten bilden. Als Garnierung gibt es dann noch die Werksgeschichte und einen Bildteil mit Fotos der markantesten Lokkonstruktionen dazu. Diese Veröffentlichungen haben unterschiedliche Qualität. Hier eine Auswahl der in den letzten Jahren erschienenen Arbeiten, die jedoch zum großen Teil inzwischen bereits wieder vergriffen sind:

Wegen der leider unvollständigen Lieferliste ist die Chronik von Schwartzkopff (Moers 1986) für den Lokhistoriker weniger brauchbar. Recht gute Veröffentlichungen gibt es aber über Krauss (Wien 1977), Floridsdorf (Freiburg 1982), Esslingen (Moers 1984) und Borsig (Freiburg 1985). Ganz besonders gut gelungen sind die Bücher über O&K-Dampflokomotiven (Buschhoven 1978), Windhoff (Rheine 1985) oder Hagans (Berlin 1991), da hier auch die vollständigen Lieferunterlagen der Firmen vorlagen und in die Arbeiten mit eingeflossen sind.

Ein ganz besonderes "Highlight" liegt seit kurzem von der Maschinenbau-Gesellschaft Heilbronn vor. Durch glückliche Umstände blieb das Archiv der noch heute existierenden Firma, die bereits 1917 den Lokbau einstellte, vollständig erhalten und konnte von Autor Werner Willhaus ausgewertet werden. Aber nicht nur Lokomotiven wurden seit 1861 in Heilbronn gefertigt, sondern auch Lokomobile (1858-1893), Straáenwalzen (1885-1931) und Dampfpflüge (1910-1939).

Von allen diesen Fahrzeugen wird in dem Buch ausführlich berichtet, wobei der Arbeit eine ausführliche Werkschronik vorangestellt ist. Der Lokbau nimmt entsprechend seiner Bedeutung für die Firma mit gut der Hälfte der verfügbaren Seiten den größten Umfang ein. Besonders bemerkenswert sind die zahlreichen Werksfotos, die durch weitere interessante Aufnahmen aus anderen Quellen ergänzt und in hervorragender Wiedergabequalität abgedruckt wurden. Die Lieferlisten zu den oben aufgeführten Produktionszweigen sind penibel genau, wobei nicht nur der ursprüngliche Besteller, sondern anhand von Ersatzteilbestellungen auch die weiteren Besitzer, soweit möglich, aufgeführt wurden. Zahlreiche Zeichnungen
ergänzen die Texte, Tabellen und Fotos sinnvoll, wobei der Bild-/Text-Bezug sehr gut gelungen ist.

Für mich ist dieses Buch die Veröffentlichung des Jahres 1995, zumal von Heilbronn bisher keine vollständige Lieferliste vorgelegen hat. Es zeigt, daß der Buchmarkt auch heute noch für positive Überraschungen gut ist. Die mit Akribie zusammengetragene Arbeit von Werner Willhaus hat zusammen mit der liebevollen Gestaltung durch Wolfgang Bleiweis ein Buch entstehen lassen, das nicht so schnell in der Qualität überboten werden kann.

(Werner Willhaus, Maschinenbau-Gesellschaft Heilbronn (MGH) - Dampfkraft für Schiene, Straße und Landwirtschaft. Schriftenreihe des Archivs der Stadt Heilbronn, Band 38. Verlag Wolfgang Bleiweis, Schweinfurt 1995. 240 S. 30 cm geb., 12 Farb-, 181 SW-Fotos, 41 Zeichnungen, DM 69,80.)

Andreas Christopher

(Die 2. Auflage erschien inzwischen beim EK-Verlag Freiburg)

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